Archiv der Kategorie: literarisch

Das kalte Liebchen

Er. Laß mich ein; mein süßes Schätzchen!
Sie. Finster ist mein Kämmerlein.
Er. Ach, ich finde doch mein Plätzchen.
Sie. Und mein Bett ist eng und klein.

Er. Fern komm‘ ich vom weichen Pfühle;
Sie. Ach, mein Lager ist von Stein!
Er. Draußen ist die Nacht so kühle.
Sie. Hier wird’s noch viel kühler sein.

Er. Sieh! die Sterne schon erblassen.
Sie. Schwerer Schlummer fällt mich an. –
Er. Nun, so will ich schnell Dich fassen.
Sie. Rühr‘ mich nicht so glühend an!

Er. Fieberschauer mich durchbeben.
Sie. Wahnsinn bringt der Toten Kuß.
Er. Weh! es bricht mein junges Leben!
Sie. Mit ins Grab hinunter muß

  • Joseph Benedikt Freiherr von Eichendorff (1788 – 1857)

Gravensteiner

Das Kind mit dem Gravensteiner

Ein kleines Mädchen von sechs, sieben Jahren,
Mit Kornblumenaugen und strohgelben Haaren,
Kommt mit einem Apfel gesprungen,
Hat ihn wie einen Ball geschwungen,
Von einer Hand ihn in die andre geflitzt,
Dass er blendend im grellen Sonnenlicht blitzt.

Sie sieht im Hofe hoch aufgetürmt
Einen Holzstoß, und ist gleich hingestürmt.
Und wie ein Kätzchen, katzenleicht,
Hat sie schnell die Spitze erreicht,
Und hockt nun dort, und will mit Begehren
Den glänzenden, goldgelben Apfel verzehren.

Da, holterdipolter! pardauz! pardau!
Bricht zusammen der künstliche Bau.
Wie bei Bergrutsch und Felsenbeben
Haben Bretter und Scheite nachgegeben;
Wie alle Neun im Kegelspiel,
So alles übereinander fiel.

Die Leute im Hofe haben’s gehört
Und laufen hin entsetzt und verstört;
Die Mutter liegt ohnmächtig, Gott erbarm,
Einem raschen Nachbarn im hilfreichen Arm.
Nun geht’s ans Räumen der Trümmer von oben,
Vorsichtig wird Stück für Stück gehoben,

Vorsichtig geht’s weiter in dumpfem Schweigen,
Der Atem stockt: Was wird sich zeigen?
Da – sitzt in einer gewölbten Halle
Das lächelnde Kind wie die Maus in der Falle,
Hat schon vergessen den Purzelschrecken,
Und beißt in den Apfel und lässt sich’s schmecken.

  • Detlev von Liliencron (1844 – 1909) 

Der Stein


Joachim Ringelnatz (* 7. August 1883 in Wurzen bei Leipzig; † 17. November 1934 in Berlin, Geburtsname Hans Bötticher) war ein deutscher Schriftsteller, Kabarettist und Maler, der vor allem für humoristische Gedichte bekannt ist.

Der Stein

Ein kleines Steinchen rollte munter
Von einem hohen Berg herunter.

Und als es durch den Schnee so rollte,
Ward es viel größer als es wollte.

Da sprach der Stein mit stolzer Miene:
„Jetzt bin ich eine Schneelawine.“

Er riß im Rollen noch ein Haus
Und sieben große Bäume aus.

Dann rollte er ins Meer hinein,
Und dort versank der kleine Stein.

Mondstein

Mondstein
 
Völker kamen und starben,
Könige siegten, verdarben,
welkten wie Blumen dahin.
Der Urwald hat sie begraben …
Wir wollen nun wieder haben,
was längst von hinnen ging.
 
Aus Tiefen Säulen steigen
zu Tausenden und neigen
sich still zum Mondstein hin.
Und wenn in Vollmondnächten
die Strahlen Rosen flechten
über den grauen Stein –
 
dann brechen sie ihr Schweigen,
dann flüstern sie und zeigen
nach einem leuchtenden Schein,
den tausende von Jahren
nicht konnten fassen, erfahren –
den leuchtenden Wunderstein,
der Menschen lehrt – glücklich sein!


Hermione von Preuschen
1854 – 1918

    

Hermione von Preuschen, eigentl. Hermine von Preuschen, (* 7. August 1854 in Darmstadt; † 12. Dezember 1918 in Lichtenrade bei Berlin) war eine deutsche Malerin und Dichterin.

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Der Brautstein

Vielfach trifft man in weiten ebenen Landstrecken des nördlichen Deutschlands, wo weit und breit kein Urgebirge zu erblicken ist, vereinzelte, oft sehr große Granitfelsenstücke an. Ein solcher Block oder Stein liegt auch in der Nähe des Städtchens Lüchow auf der Kolborner Heide. Er sieht über und über rotgesprenkelt aus und ragt meterhoch über den Boden empor.
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