Poppostein

Poppostein
Der Poppostein 😉 befindet sich in Poppholz, Gemeinde Sieverstedt, in der schleswigschen Geest in der NĂ€he Flensburgs.

Nicht weit entfernt vom vorgeschichtlichen Weg, dem spĂ€teren Heer- und Ochsenweg und der heutigen Landesstraße 317, liegt in der Gemeinde Sieverstedt bei Helligbek ein markantes Zeichen aus der Jungsteinzeit, der Poppostein, auch Taufstein genannt. Er ist neben vielen anderen Funden ein Zeugnis dafĂŒr, dass sich vom 4. bis 2. Jahrtausend v. Chr. Geburt, also in der jĂŒngeren Steinzeit, auch im Kirchspiel Sieverstedt eine dichte Besiedlung sesshafter Bauern nachweisen lĂ€sst. Wie alle GroßsteingrĂ€ber lag auch dieses Grab unter einem ErdhĂŒgel, von dem nur noch eine flache eingefriedigte, kantig abgepflĂŒgte Erhöhung vorhanden ist, die mit Gras, GestrĂŒpp und einem knorrigen Dornbusch bewachsen ist.

Heute bietet es sich dem Besucher als freistehende Grabkammer dar, die aus 6 Tragsteinen besteht, 2 an jeder Seite, einem kleineren am SĂŒdende und einem grĂ¶ĂŸeren am Nordende. Alle Steine stehen mit der flachen Seite nach innen und bilden ein Rechteck von 2,20 m LĂ€nge und 1 m Breite. UrsprĂŒnglich waren 2 Decksteine vorhanden. WĂ€hrend grĂ¶ĂŸere herumliegende GranitbruchstĂŒcke vielleicht vom fehlenden Deckstein stammen, ruht der zweite noch vollstĂ€ndig erhalten auf den Tragsteinen am Nordende des Grabes. Mit einem Durchmesser von 2 m an der breitesten Stelle und einer flachen Unterseite hat dieser auf seiner gewölbten Oberseite eine Besonderheit: Auf ihr sind 17 kleine, schalenförmige Vertiefungen deutlich zu erkennen. Solche Schalen- oder NĂ€pfchensteine werden von namhaften Vorgeschichtsforschern mit dem Beil- und Sonnenkult in Verbindung gebracht, aber auch der Gedanke einer besonderen Heilkraft des herausgeschlagenen Steinstaubes wurde geĂ€ußert, da die Schalensteine vorwiegend aus einer Granitsorte bestehen, die im Gegensatz zu normalen Decksteinen eine ganz bestimmte chemische Zusammensetzung vorweisen. Die chemischen Elemente, die in den Schalensteinen in natĂŒrlichen, unterschiedlichen Verbindungen vorkommen, sind nach Aussage von Jacob Röschmann in der Heilkunde von großer Bedeutung.

Aber nicht nur in vorgeschichtlicher Zeit, sondern auch viel spĂ€ter bei der EinfĂŒhrung des Christentums in diesem Raum spielt der Stein eine Rolle. Geschichte und Sage berichten uns, dass es sich bei dem Land rings um Sieverstedt um ein uraltes Missionsgebiet handelt. Nachdem Ansgar, der Apostel des Nordens, predigend durch unser Land gezogen war, wird uns in der hamburgischen Kirchengeschichte des Geistlichen Adam von Bremen von dem Wirken des Missionars Poppo berichtet: „Im Jahre des Herrn 966 wurden die DĂ€nen durch einen Mann namens Poppo zum Glauben bekehrt, welcher ein feuriges und glĂŒhendes Eisen, das wie ein Handschuh geformt war, vor dem Volke einhertrug, ohne davon verletzt zu werden. Als dies König Harald sah, legte er das Heidentum ab und bekehrte sich mit seinem Volke zur Verehrung des wahren Gottes. Poppo wurde aber zum Bischof ernannt.“ Nach Adams Bericht im 4. Buch der Kirchengeschichte soll Poppo der 2. Bischof von Schleswig geworden sein. Ein Beweis fĂŒr die Bekehrung König Haralds, auch Harald Blauzahn genannt, der nach seinem Vater, König Gorm, einem grausamen Verfolger der Christen, im Jahre 936 die Thronfolge antrat und 50 Jahre lang herrschte, ist die Runeninschrift auf dem großen Jellingestein in DĂ€nemark, die lautet: „König Harald ließ dieses Denkmal setzen nach seinem Vater Gorm und seiner Mutter Thyra dem Harald, der sich ganz DĂ€nemark und Norwegen unterwarf und machte die DĂ€nen christlich.“

Der Chronist Anton Heimreich schrieb in seiner 1666 in Schleswig erschienenen Nordfriesischen Chronik ebenfalls von der Bekehrung Harald Blauzahns und mehreren Wunderzeichen des Priesters Poppo. Demnach soll sich Poppo bei Helligbek ein mit Wachs bestrichenes Hemd ĂŒber den Leib gezogen und angezĂŒndet haben. Das Hemd verbrannte vollstĂ€ndig, doch sein Körper blieb unversehrt. Dadurch wurden viele 1000 Menschen bekehrt und ließen sich taufen. Der Bach, in dem diese Handlung vollzogen wurde, hieß seitdem Helligbek (=Heiligenbach), vorher soll er als JĂŒbeck (=JĂŒtenbach) bezeichnet worden sein.

Die fĂŒr den Poppostein zusĂ€tzlich gebrĂ€uchliche Bezeichnung Taufstein wird in einer anderen Sage verdeutlicht. Demzufolge soll der Teufel in seiner blinden Wut darĂŒber, dass ihm so viele Seelen entrissen wurden, den Stein dem Bischof Poppo entgegengeschleudert haben, um ihn zu töten. Aber er hatte dem Fels einen zu großen Schwung gegeben, so dass er ĂŒber den Kopf des Bischofs hinweg auf die Erde fiel. In den runden Vertiefungen waren noch die FingerabdrĂŒcke des Teufels zu erkennen. Nun benutzte Poppo den Teufelsstein erst recht fĂŒr sein heiliges Werk und machte ihn zum Taufstein.

All diesen Sagen und Berichten steht die neuere Geschichtsforschung skeptisch gegenĂŒber. So ist es ihr noch nicht gelungen, einen Bischof mit dem Namen Poppo fĂŒr jene Zeit festzustellen. Freerk Haye Schirmann-Hamkens meint, dass wohl jene Recht haben, die diese Sagen als eine gelehrte Erfindung ansehen, dazu bestimmt, einen unverstĂ€ndlich gewordenen Flurnamen zu erklĂ€ren. Wahr wird allerdings der Kern all dieser ErzĂ€hlungen sein, dass bei EinfĂŒhrung des Christentums in diesem Raum Taufen vorgenommen sind, obwohl es auf den ersten Blick sonderbar anmutet, dass Predigt und Taufe an einem einsam gelegenen und auch heute noch recht dĂŒnn besiedelten Orte geschahen. In dieser Gegend lag jedoch der Thingort des Idstedt-Syssels, auf dem die neun sĂŒdlichen Harden des Herzogtums Schleswig vertreten waren und zu dem spĂ€ter auch die StĂ€dte Flensburg, Husum und Schleswig gehörten. Nach dem Brauch, die Thingsprache an vorgeschichtlichen GrabhĂŒgeln und Steinsetzungen zu halten, wird auch die Thinggemeinde des Idstedt-Syssels am Poppostein zusammengetreten sein. Dabei ist nicht zu ĂŒbersehen, dass an der alten Kreisgrenze ein Wirtshaus Helligbek liegt, weil nicht selten an und in der NĂ€he der alten ThingstĂ€tten WirtshĂ€user erbaut wurden.

VerstĂ€ndlicherweise aber gingen die Missionare des neuen Glaubens an die PlĂ€tze, an dem die Bevölkerung zusammenzukommen pflegte und wo folglich eine Predigt die grĂ¶ĂŸte Wirkung haben konnte. Diese Möglichkeit war offensichtlich bei Helligbek gegeben. Schirmann-Hamkens ist der Meinung, dass die ErzĂ€hlung der Schleswiger Gelehrten des 16. Jahrhunderts eine Sage sei. Er fĂŒhrt den Namen Poppostein unmittelbar auf Poppensteen zurĂŒck, und hierbei kommt nur das niederdeutsche Wort Poppe, das Puppe = Kind bedeutet, in Betracht. Viele Steine waren nĂ€mlich frĂŒher zugleich Rechtsorte und Brautsteine, an denen in alter Zeit die Ehen geschlossen wurden, wobei die Schalen in dem Deckstein von einem Brauch bei der Eheschließung herrĂŒhren sollen, mit dem Eheschwert Funken und Feuer zu schlagen. Die gedankliche Verbindung, dass nach der Heirat Schale und Stein zum Ort der ungeborenen Kinder, zum „Kinderstein“ werden konnten, lag nach Schirmann-Hamkens nicht fern.

Zum GlĂŒck fiel dieses Großsteingrab nicht der Neuzeit zum Opfer. Aufgrund eines Kaufvertrages vor ĂŒber 130 Jahren ist der Taufstein von Helligbek Landeseigentum. Das Landesamt fĂŒr Vor- und FrĂŒhgeschichte in Schleswig besitzt folgenden „Kaufcontract“ vom 14. Februar 1859: „Der EigentĂŒmer der Hufenstelle in Poppholt, zu welcher die in der NĂ€he von Helligbek belegene Koppel von Arnhoi gehört, in welcher der Poppostein oder Taufstein liegt, geht mit der Absicht um, den Stein zu verkaufen … und haben darauf Allerhöchstdieselben – Sr. MajestĂ€t der König – die Erwerbung dieses Steins erforderliche Summen allergnĂ€digst zu bewilligen geruht …“ Ein Vertrag wurde aufgesetzt: „Der VerkĂ€ufer, Hufner Friedr. Petersen, verpflichtet sich, fĂŒr sich und ihre Besitznachfolger, Allen und Jeden, welche den Taufstein zu sehen wĂŒnschen, freien Zutritt zu demselben, jedoch fĂŒr die betr. Königl. Beamten ohne eine vorherige Meldung, jeder Zeit zu gestatten.“ Heutzutage kann jeder „ohne Anmeldung“ den Poppostein besichtigen, der zum Kennzeichen der Gemeinde Sieverstedt wurde.

Heinz Fröhlich

  • Quelle Text und Bild: Gemeinde Sieverstedt
  • 5 Gedanken zu „Poppostein

    1. Eveline

      Der ist aber schön inmitten vom Raps, da wĂŒrde ich meinen Popo doch gern auch mal auf den Poppostein setzen 🙂

      Schönen Start ins Wochenende!!
      Huggels, Eveline

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    2. Elke

      Hat schon was dieser Name *lach*. Poppensteen ist sicher eine gute Ableitung, aber ich meine, ich hĂ€tte durch aus mal den Namen Poppo als Bischofsnamen gelesen. Ist auf jeden Fall eine interessante Abhandlung und ein schönes Foto. Wieder was dazu gelernt. Danke fĂŒr soviel Information.
      Herzliche GrĂŒĂŸe
      Elke

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    3. Renate

      Wie der malerisch in der Landschaft liegt unter dem Streuobstbaum (ich tippe mal auf Apfel oder Zwetschge) … könnte ja fast ein Foto aus dem „herrlichen Kraichgau“ sein! 😀
      Und die Geschichten um diesen Bischof Poppo lesen sich ja sehr aufregend, auch wenn sie geschichtlich nicht erwiesen sind … irgendwas wird schon dran sein, sonst wĂ€ren sie wohl nicht bis in die heutige Zeit ĂŒberliefert worden!
      Liebe GrĂŒĂŸe
      Renate

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    4. Ocean

      🙂 🙂 liebe Helga, jetzt musste ich aber lachen, als ich die Überschrift gelesen hab 😉 aber eine sehr spannende Geschichte, auch das „Duell“ zwischen Bischof und Teufel .. doll. Ich finde solche StĂ€tten total faszinierend. Im Sommer waren wir ja in Hohwacht, und da befand sich gar nicht weit entfernt auch ein Steingrab .. muß die Bilder mal raussuchen und schauen, wie das genau hieß.

      Spannend auch die verschiedenen Grenzsteine 🙂

      Ich wĂŒnsch dir ein wunderschönes Wochenende 🙂 🙂

      liebe GrĂŒsse an dich , Ocean

      P.S.: kommt das, was es hier regnet, bei Euch als Schnee runter???

      🙂

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    5. Wu-Lan-Tong

      Mich fasziniert der Baum neben dem Stein grad irgendwie viel mehr, obwohl die Geschichte wirklich interessant ist 🙂
      Es wirkt, als wende der Baum sich ab vom Stein…

      Einen schönen Abend 😉

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