Lüneburger Heide

 

 Auf Lüneburger Heide,
 Da steht der alte Stein,
 Daneben die alte Eiche,
 Sie mag wohl tausendjährig sein.
 
 Gesellen ziehn vorüber
 Im Lenz mit frischem Sang;
 Sie singen von deutscher Freiheit,
 In heller Luft verhallt der Klang.
 
 Da spricht der Stein zur Eiche,
 Als wacht‘ er auf vom Traum:
 „Ging nicht vorbei die Freiheit?
 Wach‘ auf, wach‘ auf, du deutscher Baum!“
 
 Und durch des Baumes Krone,
 Da fährt ein Windesbraus,
 Die moosigen Äste schlagen
 In tausend jungen Augen aus!
 
 Da spricht zum alten Steine
 Der frisch ergrünte Baum:
 „Klang nicht das Lied der Einheit?
 Wie, oder war’s des Windes Traum?“
 
 Die Sänger sind gezogen
 Fernhin durchs Heidekraut.
 Die Eiche hat ihnen von oben
 Gar lang und traurig nachgeschaut.
 
 Den letzten Ton in Lüften
 Hat sie verhallen gehört,
 Dann hat sie rauschend die Äste
 Vom welken Laub im Zorn geleert.
 
 „Nun will ich wieder schlafen,“
 Spricht sie zum alten Stein,
 „Du wunderlicher Träumer
 Sollst mir nun einmal stille sein!“
 

  • Keller, Gottfried (1819-1890)
  • Danke, liebe Helga, für diesen wunderschönen Stein – eine Bereicherung für mein Steinreich!

3 Gedanken zu „Lüneburger Heide

  1. Ocean

    Hallo liebe Helga 🙂 🙂

    ein wunderschönes Gedicht ist das, und das Foto dazu richtig stimmungsvoll-mystisch … Wenn sie auch ziemlich weit weg ist von uns – ich mag die Gegend der Lüneburger Heide sehr!

    Du hast auch weiter unten wieder jede Menge spannende Einträge (nicht nur) für Stein-Liebhaber – ein Genuß, das zu lesen!

    Ein schönes, sonniges Wochenende wünscht dir mit lieben Grüßen
    Ocean 🙂

    Antworten
  2. Renate

    Das Gedicht spiegelt die (Aufbruch-)Stimmung des Vormärz wunderbar wider und erinnert mich an Heinrich Heines „Deutschland – ein Wintermärchen“. Ich wusste garnicht, dass Gottfried Keller so ein politischer Mensch war, in der Schule haben wir nur die Novelle „Kleider machen Leute“ gelesen – aber zum Glück gibt es ja dein Stein-Reich und Wikipedia! 😉
    Liebe Grüße
    Renate

    Antworten

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