Archiv für den Tag: 31.5.2007

Lüneburger Heide

 

 Auf Lüneburger Heide,
 Da steht der alte Stein,
 Daneben die alte Eiche,
 Sie mag wohl tausendjährig sein.
 
 Gesellen ziehn vorüber
 Im Lenz mit frischem Sang;
 Sie singen von deutscher Freiheit,
 In heller Luft verhallt der Klang.
 
 Da spricht der Stein zur Eiche,
 Als wacht‘ er auf vom Traum:
 „Ging nicht vorbei die Freiheit?
 Wach‘ auf, wach‘ auf, du deutscher Baum!“
 
 Und durch des Baumes Krone,
 Da fährt ein Windesbraus,
 Die moosigen Äste schlagen
 In tausend jungen Augen aus!
 
 Da spricht zum alten Steine
 Der frisch ergrünte Baum:
 „Klang nicht das Lied der Einheit?
 Wie, oder war’s des Windes Traum?“
 
 Die Sänger sind gezogen
 Fernhin durchs Heidekraut.
 Die Eiche hat ihnen von oben
 Gar lang und traurig nachgeschaut.
 
 Den letzten Ton in Lüften
 Hat sie verhallen gehört,
 Dann hat sie rauschend die Äste
 Vom welken Laub im Zorn geleert.
 
 „Nun will ich wieder schlafen,“
 Spricht sie zum alten Stein,
 „Du wunderlicher Träumer
 Sollst mir nun einmal stille sein!“
 

  • Keller, Gottfried (1819-1890)
  • Danke, liebe Helga, für diesen wunderschönen Stein – eine Bereicherung für mein Steinreich!